Carl Lutz

Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich / Agnes Hirschi

Die Anfänge eines unternehmerischen Abenteurers

Carl Lutz wurde am 30. März 1895 in Appenzell in einer sehr gläubigen Methodistenfamilie geboren.

Er entschloss sich im jungen Alter (18 Jahre) in die USA auszureisen, wo er am College von Warrenton Missouri Theologie studierte. Er war sehr scheu und verliess sein Studium, um eine Stelle zu suchen. Er arbeitete in der schweizerischen Gesandtschaft in Washington (damals sprach man noch nicht von Botschaft). Der Konsul wurde auf ihn aufmerksam und empfahl ihm inständig ein Jurastudium in der berühmten Universität George Washington, welches er 1924 abschloss.

Er war danach in verschiedenen Schweizerkonsulaten tätig, und heiratete 1935 Gertrud Fankhauser.

Reise in den Orient

Der Zeitraum 1935-1940 markiert einen entscheidenden Wendepunkt in Lutz‘ Leben und bedingt seine Rettungsaktion in Budapest. 1935 wurde er in das Konsulat in Jaffa im britischen Mandatsgebiet Palästina berufen.

Als 1939 der Krieg ausbricht, bittet Deutschland die Schweiz, seine Interessen in Palästina zu vertreten, und Carl Lutz wird mit dieser Aufgabe betraut. Deutschland wird Lutz immer dafür dankbar sein, dass er seine Interessen in Palästina vertreten hat.

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Budapest : die Verteidigung ausländischer Interessen

1942 wurde Carl Lutz zum Vizekonsul befördert und in die Schweizer Gesandtschaft in Budapest berufen, um dort die Interessen von elf ausländischen Ländern, darunter die USA und Großbritannien, zu vertreten.

Zu dieser Zeit hatte Großbritannien ein Weißbuch herausgegeben, das die Einwanderung von 75.000 europäischen Juden nach Palästina zwischen 1939 und 1944 genehmigte. Carl Lutz wurde mit der Verwaltung dieses Weißbuchs beauftragt und ermöglichte zwischen dem 1. Januar 1942 und dem 19. März 1944 die Auswanderung von mehr als 10.000 jüdischen Kindern in das Mandatsgebiet Palästina.

Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich / Agnes Hirschi
Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich / Agnes Hirschi

Die größte diplomatische Rettungsaktion des Zweiten Weltkriegs

Am 19. März 1944 marschierte Deutschland in Ungarn ein, weil es befürchtete, dass Regent Horthy nach dem Vorbild Italiens die Seiten wechseln würde. Von einem Tag auf den anderen begann für die Juden mit der Ankunft von Adolf Eichmann Eichmann, SS-Obersturmbannführer in Budapest, der mit der Organisation der „Endlösung“ beauftragt war, eine Zeit des Albtraums: Tragen des gelben Sterns, Beschlagnahmung ihres gesamten Besitzes, willkürliche Verhaftungen und Deportationen.

Zu diesem Zeitpunkt besass Carl Lutz eine Liste von 7’800 Juden, welche zur Auswanderung zugelassen waren. Da keiner dieser Juden Ungarn vor Ende des Krieges verlassen könnte, benutzte Carl Lutz diese Tatsache, um mehr als der Hälfte der jüdischen Bevölkerung von Budapest zu helfen. Er verfasste Schutzbriefe für die 7’800 Juden, die sich in Erwartung ihrer Ausreise nach Palästina unter schweizerischem Protektorat befanden. Sie waren zudem nicht zur obligatorischen Arbeit verpflichtet und nicht durch eine Deportation gefährdet.

Ein Schutzbrief - Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich / Agnes Hirschi

Sehr schnell zirkulierten verschiedene Serien dieser Schutzbriefe in Budapest. Gestärkt durch seine guten Verbindungen mit den Deutschen, die sich seiner bewährten Dienste in Palästina und seiner diplomatischen Talente gegenüber der Ungarn erinnerten, erhielt Carl Lutz die Bewilligung, 76 Wohnhäuser in der gleichen Strasse (Pozsonyi ut.) unter diplomatischen Schutz zu stellen und mit schweizerischen diplomatischen Schildern zu versehen. Später wurde vor jedem dieser Häuser eine Gedenktafel errichtet.

Das Donau-Ufer in der Nähe dieser Häuser trägt heute den Namen „Carl Lutz“, in Erinnerung an die Tätigkeit des Vize-Konsuls von Budapest.

Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich / Agnes Hirschi
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Hat mutigen Mitarbeitern geholfen und gegen seine Chefs

Das Verbot der Schweiz. Eidgenossenschaft, die ihm untersagte, seinen Schützlingen individuelle Identitätsausweise zu beschaffen, umging er indem er verschiedene Kollektivpässe ausstellte, die bezeugten, dass die 1’000 aufgeführten Personen die schweizerische Nationalität besässen.Carl Lutz wurde unterstützt durch seine Frau Gertrude und der Judishen Jugend, die Chalutzim, eine Gruppe sehr mutiger Frauen und Männern, welche die Logistik seiner Aktion sicher stellte.

Andere Diplomaten der Schweizerischen Gesandtschaft unterstützten Carl Lutz: Botschafter Maximilien Jaeger, Ernst Von Ruf, Peter Zürcher und Harald Feller. Am Ende des Krieges wurden Carl Lutz und die andern Diplomaten von den Russen ausgewiesen. 

 

Carl Lutz wurde von Gertrude geschieden und heiratete Magda Grausz, eine Jüdin, die im April 1944 Schutz für sich und ihre Tochter gesucht hatte. Tochter Agnes wohnt heute in Bern.

Seine Aktion blieb unbestraft. Er arbeitete weiter in der Administration, verbittert jedoch, dass niemand seine Tätigkeit in Budapest anerkannte oder sich dafür interessierte. Er beendigte seine Karriere als Honorarkonsul in Bregenz und zog sich 1961 zurück.

Er starb am 12. Februar 1975 in Bern.

DFAE / Archives Agnes Hirschi

Carl Lutz war der erste Schweizer Bürger, der 1964 von Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern anerkannt wurde. Er war dreimal für den Friedensnobelpreis nominiert und wurde in Deutschland, Argentinien, Ungarn, den USA und Israel geehrt. Im Jahr 2014 erhielt er posthum die Präsidentenmedaille seiner Alma Mater, der George Washington University. 2018 benennt die Schweiz einen der Säle des Bundeshauses nach ihm, und das Parlament erhebt sich in der Plenarsitzung zum Gruß an seine Familie. Im Jahr 2021 ehrt Genf ihn mit einer Ausstellung, die von der Hochkommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte eröffnet wird, während die Vereinigten Staaten ihm einen Raum in ihrer Botschaft in Budapest widmen.

Das Ausmaß der Rettung von Carl Lutz wird oft falsch dargestellt, wobei überhöhte Schätzungen aus einem Brief von Mihaly Salamon aus dem Jahr 1948 (62.000 gerettete Personen) übernommen werden. Bei diesen Zahlen handelt es sich um eine persönliche Schätzung, die nicht dokumentiert ist. Sie wird von mehreren führenden Historikern als unzuverlässig und von der Familie Grossman, deren Großvater das Glashaus leitete, sowie von Carl Lutz, darunter unsere Ehrenpräsidentin Agnes Hirschi, als falsch bezeichnet. Die Realität ist wahrscheinlich niedriger als diese Schätzung.

In Ermangelung genauer Zahlen ist es zutreffender zu sagen, dass Carl Lutz und seine Mitarbeiter „mehrere zehntausend Menschen“ gerettet haben.

U.S. Mission / Eric Bridiers

Heute leben die Tausenden von Familien, die von der Schweizerischen Gesandtschaft gerettet wurden, in mehr als zwanzig Ländern.